Jäger des Eises

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Jäger des Eises

Nordwandlust

“Lust auf eine Nordwand morgen?” lautet der Text einer Whatsapp-Nachricht, welche mich gegen 19:00 Uhr erreicht. Christian plante eine Begehung der Hochgolling Nordwand in den Niederen Tauern und suchte noch einen Partner. Ich hatte für den nächsten Tag noch keine konkreten Pläne und eine Schitour erwies sich bei dem mehrere Zentimeter dicken Bruchharschdeckel als nicht besonders reizvoll. Die Lawinenwarnstufe sowie der wenige Schnee würde eine Begehung dieser brachialen Wand zumindest laut Ferndiagnose zulassen.

Da sich die Nordwand im hintersten Gollingwinkel befindet, ist es kaum möglich an aktuelle Wandbilder zu kommen, da man die Wand erst dann zu Gesicht bekommt, wenn man mehrere Kilometer Tal einwärts marschiert. Doch gerade diese totale Abgeschiedenheit macht doch den Reiz für so manche Bergabenteuer aus. Wir kommen überein, dass wir uns zumindest ein Bild von der Wand machen wollen, und diese nur in Angriff nehmen, falls die Verhältnisse nach einer Beurteilung vor Ort, optimal passen sollten.

Auf der Eissuche

Wir treffen uns also um halb 5 in Liezen und fahren dann gemeinsam in das Rohrmooser Untertal, bis zur letzten Fahrtmöglichkeit bei Gasthaus “Weiße Wand”. Dort wechseln wir auf die Tourenschi und marschieren über die seicht ansteigende Forststraße in Richtung Hinterer Gollingwinkel. Mit jedem Höhenmeter den wir hinter uns lassen, wird auch das sich seitlich ausbildende Eis besser. Als wir die Wand nach einer Stunde Gehzeit zum ersten Mal zu Gesicht bekommen, schaut diese zwar gut aus, doch es befindet sich nur sehr wenig Schnee in der Wand. Ein Anstieg durch die vielen Mixed Passagen im brüchigen Fels würde wohl nicht gerade angenehm werden.

Kurz vor Erreichen der Steilstufe zur Gollinghütte befinden sich im Ausläufer des Elendberges der vordere und hintere Schleierfall. Da Christian den Vorderen bereits geklettert ist, entscheiden wir uns an diesem Tag für den Hinteren. Dieser kann durch seinen lawinengefährdeten Zustieg nur äußerst selten gemacht werden. Der Fall selbst ist zwar gut geschützt, doch muss man zum Erreichen des Eises über eine steile Rinne, welche wie eine Art Trichter für die gesamte NO und O-Wand des Elendberges ausgebildet ist, zusteigen. Das weihnachtliche Tauwetter hatte jedoch bereits einige Tage zuvor eine Grundschneelawine abgehen lassen und so konnten wir sicher zusteigen.

Vorderer Schleierfall

Der Fall selbst präsentiert sich in einem sehr guten Zustand. Die ersten drei Seillängen warten immer wieder mit kurzen Steilstufen auf und waren ideal um sich nach der längeren Abstinenz wieder an das Element Eis zu gewöhnen. Die 4. Seillänge bildet mit WI4- die Schlüsselstelle des heutigen Tages, und beschert und bestes Softice. Ein Schlag und das Gerät hält. So macht Eisklettern wirklich Freude. Den Abschluss bildet ein kurzer Gully, mit dem man das Ende des Wasserfalls erreicht. Im Anschluss seilen wir uns an 4 Abalkovschlingen retour zum Einstieg und treten den Heimweg an. Das seichte Gefälle der Forststraße, sowie deren humane Räumung ließen es zu, dass wir ohne jeglichen Kraftaufwand in wenigen Minuten retour zum Parkplatz gelangen.

Hard Facts

  • Gebirge: Niedere Tauern / Schladminger Tauern
  • Route: Hinterer Schleierfall
  • Schwierigkeit: WI4-
  • Höhe: 170hm
  • Erstbegeher: Unbekannt

Tipps und Infos

  • Material: 8 Eisschrauben, 4 lange Bandschlingen, 5 Abalakovschlingen, 60m Halbseile
  • Führerliteratur (Regionsüberblick):
    • Eisklettern Österreich Ost / Andreas Jentzsch, Axel Jentzsch-Rabl, Stefan Fluch, Mathias Fluch
    • Alpenvereinskarte 45/2 Niedere Tauern 2 1:50000
  • Für die genannte Region gibt es kein adäquates Führerwerk
By |2019-01-16T09:48:58+01:00Januar 2nd, 2019|Eisklettern, Niedere Tauern|