Ein Nachmittag am Kurtsteigwandl

/Ein Nachmittag am Kurtsteigwandl

Ein Nachmittag am Kurtsteigwandl

“Wos klettern ma?” Die klassische Frage, die sich eigentlich vor jeder Tour stellt. Im aktuellen Hohe Wand Führer findet sich das Kurtsteigwandl. Die Führerbeschreibung spricht von einer Wand der “anderen Art”, “nix Plaisier” und einem sehr alpinen Stil. Eigentlich eine Beschreibung die uns beide sofort anspricht. Die weiteren Anmerkungen wie “brüchig” oder “labiler Fels” überlesen wir einfach mal fürs Erste. Wir kennen diesen Winkel der Hohen Wand beide nicht und freuen uns schon darauf, unsere Friends in den dortigen Rissen zu versenken.

Bei den Touren steigt man orographisch rechts des Hanselsteiges hinter einer Futterkrippe von oben zu. Nach 10 Metern Abklettern trifft man auf ein kleines Plateau mit einem dicken Baum. Von diesem seilt man sich mit 60 Meter Halbseilen in einem Aufwasch bis zu den Einstiegen ab.

Als wir dann beim Abseilen das erste Mal die Wand zu Gesicht bekommen, werden wir rasch auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und merken schnell, dass es vielleicht doch eine etwas härter Aktion werden könnte.

Der moderne Kurtsteig:

Kurze Zeit später stehen wir am Einstieg des Kurtsteiges, dem namensgebenden Durchstieg durch die Wand. Der Kurtsteig wurde 1937 von T. Rakovec, K. Hönigmann und E. Osicka erstbegangen. Für mich unvorstellbar, dass die Erstbegeher lediglich 3 Normalhaken verwendeten. Der Vergleich mit dem Gang übers Minenfeld trifft es ganz gut. Eine wahrlich kühne Leistung. 2017 wurde die Tour dann von Thomas Behm begradigt und mit Bohrhaken versehen. Ich nehme also die erste, der drei kurzen steilen Seillängen in Angriff. Die Tour ist genau so wie sie von unten ausgesehen hat. Die Henkel belastet man eher von oben nach unten drückend und tastet sich sachte mit viel Zehenspitzengefühl nach oben. Äußerst interessant, dass sich bei der Sanierung stets feste Plätze fanden um solide Bolts zu setzen. Den ersten Stand bezieht man dann unter einem schwarzsintrigen Überhang. Eigentlich ein schönes Platzerl, da man vor dem fast nicht zu vermeidenden Steinschlag des Vorsteiges geschützt ist. Glücklich darüber, die nächste Länge nicht vorsteigen zu müssen hocke ich unter dem Überhang und genieße die herbstliche Abendsonne.

Die 2. Seillänge ist die Schlüsselseillänge. Man steigt erneut aus der Nische in die splittrige senkrechte Wand um dann über schwarzen Sinterfels gefolgt von einer neuerlichen Splitterstelle den Stand zu erreichen. Die letzten Meter sind dann die schöneren der Tour. Über eine seichte Rampe geht es dem Abseilbaum entgegen. Auch hier dominiert jedoch der ruppige wilde Charakter dieses Wandels.

Nicht glauben, ausprobieren:

Aber wenn wir schon da sind, probieren wir halt noch eine. Vielleicht wird’s besser. In wenigen Minuten stehen wir erneut am Einstieg. Diesmal soll es die Tour “Kurzes Leben” werden. Die Beschreibung “Cleaner Riss in meist sehr gutem Fels” lassen uns wieder Hoffnung schöpfen, die kurz darauf zu Nichte gemacht wurden. Wie auf rohen Eierschalen taste ich mich die erste Seillänge nach oben. Ich entscheide mich stets für den am wenigsten wackelnden Griff, bis ich nach einer gefühlten Ewigkeit am ersten Stand ankomme. Man sollte vielleicht noch anmerken, dass diese lediglich 15 Meter lang war.

Nun ist Baugi an der Reihe. Vom Stand leitet ein kleiner Pfeiler, der als Ganzes nicht so ganz fest wirkt zu einem parallelen Riss, der einen 3er Friend dankend aufnimmt. Stürzen will man jedoch auf keinen Fall. Wenige Meter oberhalb befindet sich eine Sanduhr, die zumindest ein festes Kleinod in diesem wilden Winkel darstellt. Nun gelangt man über eine erdige Platte zu einer rettenden, erstaunlicherweise festen Schuppe, die in den abschließenden plattigen Riss leiten. Immer wieder müssen die Griffe und Tritte von der Erde befreit werden, was für den Sichernden eine unausweichliche Erddusche bedeutet. Jeder Tritt wirkt als würde man auf ganz feine Kugeln steigen. Ich denke ich bin noch nie derartig dreckig vom Klettern nach Hause gekommen. Froh den Stand erreicht zu haben ging es in wenigen Minuten retour zum Kraftwagen.

Ob uns das Kurtsteigwandl noch einmal sehen wird wage ich zwar zu bezweifeln, dennoch freue ich mich diesen orgen Winkel zumindest einmal zu Gesicht bekommen zu haben.

Hard Facts

  • Gebirge: Hohe Wand / Gutensteiner Alpen
  • Route: Moderner Kurtsteig
  • Schwierigkeit 5+
  • Wandhöhe: 50m
  • Erstbegeher: T. Rakovec, K. Hönigmann, E. Osicka 1937 (Sanierung und Dir. Var. T. Behm 2017)
  • Route: Kurzes Leben
  • Schwierigkeit: VI-
  • Wandhöhe: 50m
  • Erstbegeher: T. Behm 2017

Tipps und Infos

  • Material: 8 Exen; BD Friends Gr. 1/2/3; 4 lange Bandschlingen
  • Führerliteratur: Sportkletterführer Hohe Wand – 1500 Routen von 5+ bis 10+ / Thomas Behm

Fazit

  • Ein einsamer, wilder Winkel auf der Hohen Wand
  • In diesen Routen werden wohl nur schmerzbefreiten Kletterer mit einer masochistischen Neigung für brüchigen Fels und erdige Risse ihre Erfüllung finden
  • Man lernt viele andere Felspassagen deutlich mehr zu schätzen und das Wort brüchig bekommt eine vollkommen neue Bedeutung
By |2018-12-12T15:08:48+01:00September 11th, 2018|Hohe Wand, Klettern|