Unter Bergsteigern haben gewisse Touren einen besonderen Nimbus. Die Stangenwand Südostwand gehört dabei gewiss zu den ganz großen Linien der Ostalpen und kaum ein Kletterer kann sich dem Medusenantlitz dieses ungeheuer, abschreckenden Gemäuers entziehen. Walter Pause nahm die Tour ebenfalls 1970 in sein Sammelwerk “Im extremen Fels” auf, was wohl noch zusätzlich zum Kultstatus der Route beigetragen hat.

Back in time

Die Stangenwand Südostwand wurde im Jahr 1938 von Raimund Schinko, Fritz Sikorovsky und Otto Pschentschnik nach 4 vergeblichen Versuchen erstbegangen. Für die Erstbegehung benötigte die Seilschaft 3 Tage. Die Biwaknächte verbrachten sie dabei auf einem mitgebrachten Holzbrett. Nach dem Quergang, der Raimund Schinko im Urzustand sicherlich alles abverlangte, erreichten die 3 Kletterer eine Art Point of No Return. In die andere Richtung wäre der Quergang, der Schinko einen Tag lang beschäftigte, so schnell nicht mehr kletterbar gewesen und somit blieb nur noch der Weg nach oben. Um Mitternacht erreichten sie nach 3 Tagen den vorgelagerten Nebengipfel der Stangenwand. Fast 9 Jahre vergingen bis zu einer Wiederholung durch K. Lukan und L. Kozel vom 24.05-25.05.1947, die den berüchtigten Quergang zwar nicht zur Gänze kletterten, aber mittels Schrägabseiler lösten.

Stangenwand Südostwand im ersten Morgenlicht

Early Birds

Als wir uns kurz nach 5 am Pendlerparkplatz in Gloggnitz treffen, haben wir beide noch ein fades Auge. Aber da es heute wieder einmal seit langem in den Hochschwab geht, ist die Müdigkeit rasch verflogen. Seit der letzten gemeinsamen Schwobenkletterei, damals Rambos Dornröschen in der Hochschwab Südwand, sind ebenfalls schon wieder einige Jahre vergangen. Und wie sagte schon der römische Satirendichter Juvenal: “Seltenheit verleiht der Freude Würze”.

Für heute haben wir uns jedenfalls nicht irgendeine Tour vorgenommen, sondern die wohl bedeutendste Route des gesamten Massivs – die Stangenwand Südostwand.

Im Halbdunkel geht es den bekannten Weg, vorbei an Hundswandswänden, hinauf ins Rauchtal. Immer wieder ein beeindruckendes Szenario, zwischen Beilstein und Stangenwand unterwegs zu sein. Nach der Querung eines Schotterfeldes geht es über steile Wiesenschrofen zum Einstieg am Fuße einer markanten Kaminreihe.

Vor dem formschönen Beilstein

Die verträumte Schwobenwelt

Eine raue Geschichte

Die erste Seillänge führt in 25 Metern durch den logischen Kaminaufschwung. Vor der Sanierung musste man eine kräftezehrende 50 Meter Seillänge überwinden und wir sind dankbar uns diese heute aufteilen zu können. In den ersten 25 Metern findet man lediglich einen alten Schlaghaken, aber Cams Gr1-3 (Black Diamond) können gut angewendet werden.

Die nächste Seillänge ist für mich die grauslichste der ganzen Tour. Eine brüchige Steilstufe leitet in einen engen Risskamin. Im Topo steht zwar noch “möglichst außen bleiben”, aber nach wenigen Metern finde ich mich verkeilt höher schrubbend im Kamingrund. Der Rucksack hängt dabei mit einer langen Bandschlinge an der Anseilschlaufe. Dieser bleibt immer wieder hängen und vom Genuss sind wir beide meilenweit entfernt.

Start in den engen Kamin der 2.SL

Auf einer seichten Kante geht es zur Plattenquerung

Die dritte Seillänge ist dann zwar endlich kein Kamin mehr, dafür wird es brüchig. Im Vorstieg prüfe ich die Griffe teilweise mehrmals, bevor ich sie so sachte wie möglich belaste. Es folgt eine weitere Seillänge, die mehr gefährlich als schön ist, bevor wir auch schon auf Höhe der markanten Plattenquerung Stand beziehen.

Die brüchige Seillänge vor der Plattenquerung

Historische Plattenquerung

Hier ist er also, der geschichtsträchtige Quergang. In Anbetracht dessen, dass die Erstbegeher hier ohne Bohrhaken und Reibungskletterschuhe in diesen Quergang kletterten, ist dies schon eine äußerst kühne Leistung.

Wir erfreuen uns jedoch in erster Linie daran, zum ersten Mal an diesem Tag festen Fels unter den Fingern und Kletterschuhen zu haben. Die Querung löst sich eigentlich schön auf, bis man zu einer plattigen Unterbrecherstelle kommt. Diese ist zwingend zu klettern und etwas schwierig zu lesen. Dankbar über den Bohrhaken, stehe ich langsam auf, um sauber steigend weiter zu queren. Nun folgt der finale Zug, bei dem abwärts auf ein Band gestiegen werden muss. Hier ist Balance und ein gutes Vertrauen in die Reibungskletterschuhe gefragt. Hat man die Stelle überwunden geht es leicht ansteigend zum Stand unter einem großen Überhang.

In der historischen Schinko-Querung

Sikorofskys Holzpacklriss

Nun folgt ein kräftiger Piazriss bei dem man trittlos wirklich stark anreißen muss. Da die Kräfte schön langsam zu neige gehen, freut man sich hier über die gute Absicherung. Die Nirosta ersetzten seit einer Sanierungsaktion 2001 die berüchtigten Holzpackeln, über die sich die Erstbegeher in teils technischer Kletterei höher arbeiteten. Der restliche Riss wäre zwar schön zu klettern, aber so richtiger Genuss will einfach nicht mehr aufkommen. Vor allem da wir im Hinterkopf haben, dass uns mit dem sogenannten Mooskamin noch einmal eine wirklich abscheuliche Länge bevorsteht, sollte diese nass sein.

Die schöne vorletzte SL

Hinauf zum berüchtigten Mooskamin

Die vorletzte “richtige” Seillänge ist eigentlich trotz des leicht grasigen Einstieges ganz nett zu klettern bis man unter dem abschließenden Mooskamin steht. Dieser zeigt sich heute dankenswerter Weise trocken und so schrubben wir uns dem Ausstieg entgegen. Den Rucksack hängen wir uns wieder mit einer Bandschlinge an den Gurt.

Glücklich und zufrieden erreichen wir nach 2 Seillängen am laufenden Seil das rasengepölsterte Gipfelplateau am Vorgipfel der Stangenwand. Hier schlüpfen wir nach gut 5 Stunden Kletterzeit aus Patscherl und Klettergurt und sind froh diese mächtige Linie hinter uns gebracht zu haben. Nun geht es durch das verträumte Rauchtal abwärts in Richtung Bodenbauer. Das Schnitzerl und das Krügerl beim Bodenbauer, auf das wir uns schon so gefreut hätten, ersetzen wir dann, wegen des frühen Saisonschlusses, durch ein Kebap und ein Dosenbier in Thörl.

Klettergenuss in SL 7

Eher weniger Genuss dafür im Abschlusskamin

Für heute genug geklettert

Hard Facts

  • Gebirge: Hochschwab
  • Route: Südostwand
  • Schwierigkeit: VII
  • Wandhöhe: 320m
  • Erstbegeher: R. Schinko, F. Sikorovsky und O. Pschentschnik 25.-27.06.1938

Tipps und Infos:

Fazit

  • Alpinklassiker der ersten Stunde
  • Die Felsqualität nimmt ab dem Quergang zu
  • Im unteren Teil gefährlich brüchig
  • Eine elegante alpine Linie